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In der Staatlichen Artistenschule Berlin: Tim & Luzie werden erwachsen

Hier möchten wir am liebsten einziehen oder den ganzen Tag Mäuschen spielen. Die Trainingshalle der Staatlichen Artistenschule Berlin ist groß und sie ist voll. Vier Klassen haben gerade parallel Sportunterricht. Das sind rund 35 Schüler und acht Lehrer, also deren Trainer. Überall liegen dicke und dünne Matten, hängen Trapeze von der Decke, hier steht ein Pole und weiter hinten sieht man Schlaufen und Strapatenbänder hängen. Die Atmosphäre ist ruhig, sehr fokussiert. Lehrer und Schüler sind dunkel gekleidet, Lachen hört man kaum – nur ab und an läuft Auftrittsmusik. Hier wird konzentriert gearbeitet.

Ablauf in der Staatlichen Artistenschule Berlin

Von 9.50 bis 11.30 Uhr geht der Unterrichtsblock, und das erste Drittel geht fast völlig fürs Warmmachen drauf. Seilspringen, Dehnen, Dehnen mit Trainerhilfe und noch mal Dehnen. Dann begibt sich jeder an seine persönlichen Kraftübungen. Ein Trainer betreut maximal vier Schüler parallel. Nach und nach spielt jeder seine Nummer – ob als Solo oder Duo – im Durchlauf und hat während dieser Zeit die volle Aufmerksamkeit seines Trainers. Und oft auch einiger Mitschüler, die aufmerksam zuschauen und danach respektvoll kritisieren.

Tim trainiert täglich mit seinem BMX-Rad

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Tim trainiert täglich mit seinem BMX-Rad.

Zuerst ist Tim dran. Es ist für uns das fünfte Wiedersehen seit seinem Schulstart 2012. Damals hatte der begeisterte Turner über seine Schwester von der Staatlichen Artistenschule Berlin gehört, die Aufnahmeprüfung bestanden und träumte davon, Breakdancer und Equilibrist zu werden. Heute ist aus dem zehnjährigen Jungen ein junger Mann geworden, der täglich mit seinem BMX-Rad trainiert. Er wohnt noch im schuleigenen Internat, macht sich aber gerade mit zwei Mitschülern auf die Suche nach einer eigenen, ersten Wohnung. Für den 16-Jährigen ein Muss, denn spätestens mit dem Schuljahreswechsel im Sommer muss er aus dem Internat ausziehen und Platz machen für die jungen Neuankömmlinge. Rund um die Schule sind viele Wohnungen an Schüler vermietet: »Zwischen 125 Euro bis 600 Euro für ein WG-Zimmer zahlen meine Kollegen. Ich will mir jetzt schon ein Zimmer suchen, damit ich im Frühjahr und Sommer mehr Zeit habe, mich auf die Abitur-Zulassung vorzubereiten.«

Nur die Besten kommen weiter

Bei der Prüfung im Mai geht es um viel. Denn auch externe Schüler können sich um einen Platz auf der Schule bewerben. Nur die Besten kommen weiter – als bittere Konsequenz hieße das, dass auch aktuelle Schüler ihren Schulplatz für die Neuen räumen müssen. Eventuell.

Mit dem BMX-Rad hat sich Tim ein schwieriges und recht seltenes Requisit ausgesucht. Der Balance-Anteil seiner Arbeit ist groß, und er merkt selbst, dass seine Fortschritte an seiner Nummer langsamer sind als bei Mitschülern beispielsweise am Trapez. »Aber das ist normal, sagt Frau Arndt, unsere Lehrerin. Dafür gibt es nicht viele BMXler auf Varieté-Bühnen. Es hat also auch viele Vorteile«, erzählt er entspannt. An der Berliner Artistenschule jedenfalls gibt es keinen weiteren BMX-Artisten: »Ich bin viel auf Youtube unterwegs und hole mir dort Anregungen und Ideen. Die Technik spreche ich dann mit den Lehrern ab.«

Luzie übt eine Duo-Nummer mit ihrer Mitschülerin Maja

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Luzie übt eine Duo-Nummer mit ihrer Mitschülerin Maja.

Danach ist Luzie mit ihrem Durchlauf dran. Die heute 17-Jährige ist von den ersten Bildern, die wir mit ihr gemacht haben, kaum wiederzuerkennen. Luzie wohnte erst im Internat, lebt aber seit zwei Jahren wieder bei ihrer Familie in Falkensee. Täglich zwei Stunden Fahrtzeit kommen also zu dem anstrengenden Schulalltag dazu. Kontakt zu Gleichaltrigen hat sie dadurch kaum. Und auch in der Schule konzentriert sich der Kontakt auf die Mitschüler in ihrer Stufe.

Luzies Ziel war schon immer, Handstand-Artistin zu werden. Sie übt seit den Sommerferien eine Duo-Nummer mit ihrer Mitschülerin Maja ein – schon die zweite Duo-Nummer der beiden. »Ich habe einfach gemerkt, dass ich im Duo viel motivierter bin und viel mehr Spaß habe.« Den sieht man ihr an – und auch die harte Arbeit, die dahinter steckt. Die Choreografie ist anspruchsvoll. »Wir haben sie zu zweit erarbeitet und dann mit Frau Arndt weiterentwickelt – sie hat uns gerade bei den Übergängen viel geholfen.« Die Auswahl ihrer Partnerin hat sie sehr professionell getroffen. »Maja steht den perfekten Handstand! Selbst schwierige Passagen klappen deswegen verhältnismäßig schnell und wir machen echt gute Fortschritte.« So haben die beiden auch schon die ersten Auftritte hinter sich und konnten die ersten Bühnenerfahrungen sammeln. Spannend wird es, wenn die beiden demnächst bei der Weihnachtsfeier ihres alten Vereins auftreten. »Sportlich liegen Welten zwischen uns und unseren früheren Vereinsfreunden.«

Große und kleine Bühnen

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Die Vorfreude auf das Leben als Artist ist unendlich groß.

Auch die Lehrerin ist zufrieden mit den beiden. Ihr ist es wichtig, dass die Schüler lernen, große und auch kleine Bühnen bespielen zu können. Wie beispielsweise für Dinnershows: »Nur, wenn du den Veranstaltern etwas anbieten kannst und mit verschiedenen Bühnengrößen zurechtkommst, wirst du gebucht. Wer nicht flexibel ist, bekommt keine Jobs.« Und dann erzählt sie den Mädchen, dass sie sich vorstellen sollen, auf einer Plattform im Wasser zu spielen. Die beiden verstehen sichtlich überhaupt nicht, wovon sie spricht. Und dann erzählt Frau Arndt, dass sie selbst mal in so einem Bassin aufgetreten sei – leicht feucht berieselt von oben.

Und da ist es dann endlich, das wirklich erste Lachen des Tages mit großen, leuchtenden Augen. Die Vorfreude auf das Leben als Artist ist unendlich groß. Wir wünschen Luzie und Tim, dass sich ihre Erwartungen mehr als erfüllen und bewundern die Konsequenz, mit der die Jugendlichen diesen Weg gehen. Chapeau!