Moderne Zeiten im Varieté-Theater Et Cetera Bochum

Varieté 2.0 im Varieté-Theater Et Cetera: Von sprechenden Drohnen, träumerischer Lichtmalerei und visueller Comedy

Es ist Samstag, 17.00 Uhr, als sich unser Auto in Richtung Autobahn in Bewegung setzt. Voller Vorfreude starten wir zum schönsten Varieté im Pott, dem Varieté-Theater Et Cetera Bochum. Die etlichen Baustellen, die die Strecke im Moment schmücken, können die Stimmung nicht trüben, denn auf der Fahrt geht es schon um die essentiellen Fragen des Abends: Welches der leckeren Gerichte nehmen wir dieses Mal, welcher Cocktail wird probiert und vor allem, was kann man von der neuen Show im Varieté-Theater Et Cetera erwarten. „Moderne Zeiten“ – der Titel klingt vielversprechend und der Flyer verrät uns auch schon, wen wir heute Abend erleben dürfen. Da vergehen die eineinhalb Stunden Fahrt wie im Flug und was wir in diesem Moment noch nicht wissen, – so viel sei an dieser Stelle schon verraten – die Show wird all unsere Erwartungen um Längen übertreffen. Mit gewohnter Herzlichkeit werden wir von Silvia Cabello, der Geschäftsführerin und guten Seele des Varietés empfangen und schon bald steht ein lecker duftendes Chili-Schnitzel mit Mandelkroketten vor mir. Das et cetera steht nämlich nicht nur für Weltklasse Artistik, sondern auch für ein superleckeres Essen.

"Moderne Zeiten" im Varieté-Theater Et Cetera - Fotos: Bernd Mrotzek

„Moderne Zeiten“ im Varieté-Theater Et Cetera – Fotos: Bernd Mrotzek

„Moderne Zeiten“ stammt aus der Feder von Martin Mall

Das Bühnenbild, das Bühnenmeister „Spargel“ – der übrigens wie viele des et cetera-Teams schon zum festen Inventar gehört, gezaubert hat, kann sich sehen lassen. Nun wird das Licht gedimmt, die Musik ertönt und der Moderator, Ideengeber und Regisseur der Show, Martin Mall betritt die Bühne. Wir sind nun vollends im geliebten Varieté-Modus. Ein fließender Übergang von Anmoderation und Vorstellung der Künstler des Abends führt auch schon hinein in die erste Nummer des Abends. Die Kanadierin Santé Fortunato schwebt am Luftring über der Bühne. Ästhetik, Eleganz und Dynamik treffen in schwindelerregender Höhe in Perfektion aufeinander. Die professionelle Tanzkarriere, die Santé zu Beginn ihrer Artistenlaufbahn eingeschlagen hat, spürt man gleichermaßen in der Luft wie auch in den Zwischensequenzen am Boden. Schade, dass die Nummer so schnell vorbei ist. Doch viel Zeit zum Traurigsein bleibt nicht, denn da fliegen auch schon die rasanten Leucht-Diabolos von Martin Mall gekonnt über die Bühne. Einigen im Saal stockt bei der temporeichen Nummer glatt der Atem. Doch auch dies ist nur von kurzer Dauer, da sie spätestens jetzt, wo der Franzose Fabien Kachev mit seiner Visual Comedy loslegt, Luft zum lauthals Lachen holen müssen. Kachev war aktuell gerade erst wieder bei Stefan Raab und auch beim Supertalent zu sehen. Er erzählt mit seiner Visual Comedy lustige Geschichten als menschgewordene Sound-Machine. Und wen die Mimik und Gestik des Franzosen noch nicht zum Lachen bringt, dessen Zwerchfell vibriert spätestens dann, wenn er die komischen Geräusche aus Schnalzen, Pfeifen, Gurgeln und Summen hört, die Kachev während seiner Performance produziert. So nimmt er z. B. die moderne Technik eines für ihn heimischen Automobilherstellers auf die Schippe – sozusagen also ein „Créateur d´ bruit“. Innovativ geht es auch mit dem nächsten Act weiter, wenn Jean Olivier, der sich selbst als Technik-Magier bezeichnet, seine Drohne Lilli präsentiert. Lilli ist seine Bühnenpartnerin 2.0, die mit Live-Videoübertragung über den Köpfen der Zuschauer kreist. Mit zwei großen Kulleraugen flirtet sie munter mit den Zuschauern und präsentiert beeindruckende Mentalmagie.

Viel Zeit zum Rätseln über das gerade Gesehene bleibt den Zuschauern allerdings nicht, denn nun heißt es wieder Atem anhalten, wenn Sarah Lindermayer über das Drahtseil tanzt. Die junge Artistin absolvierte 2011 die Artistenschule in Berlin und war mit ihrer Partnerin Antonia Modersohn dieses Jahr auch im Varieté-Block der Internationalen Kulturbörse Freiburg zu sehen. Eine große Zukunft ist ihr sicher.

Drohne Lilli und Jean-Olivier

Varieté 2.0 im Varieté-Theater Et Cetera

Die Bühnenpartnerin 2.0 durften wir ja bereits bestaunen, so dass wir nun zur Sandmalerei 2.0 des Ukrainers Oleg Basanov kommen. Zu harmonischer Musik zaubert Basanov mithilfe von Taschenlampen temporäre Gemälde an die riesige Projektionswand auf der Bühne. Eine wunderschöne Lichtmalerei, die so manchen Zuschauer in eine Traumwelt entführt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die meisten Besucher zur Pause nur schwer von ihren Stühlen lösen konnten. Die, die es dann aber doch schaffen, werden im Foyer des Varietés mit einem leckeren hausgemachten Eis belohnt. Und wer jetzt denkt, dass das hohe Niveau der ersten Hälfte gar nicht zu halten ist, der wird eines Besseren belehrt. Teil zwei von „Moderne Zeiten“ knüpfte nahtlos an Teil eins an.

Antonia Modersohn am Chinesischen Mast

Santé Fortunato am Luftring

 

 

 

 

 

 

 

Auch der Datenschutz kommt nicht zu kurz

Am Pole vollführte Antonia Modersohn – ebenfalls Absolventin der Artistenschule in Berlin – eine atemberaubende Darbietung und lässt mit so manchen Tricks ihre meist männlichen Kollegen an diesem schwierigen Requisit alt aussehen. Und wer denkt, dass Hula-Hoop immer mit Tempo zu tun hat, der täuscht sich gewaltig. Santé Fortunato schafft es, dieses Requisit so zu entschleunigen, dass es Entspannung pur für die Augen ist, der Kanadierin zuzusehen. Zum Finale haben sich dann die beiden Artistinnen Sarah und Antonia am Doppel-Vertikaltuch nochmal bis unters Dach des Varietés begeben, um die Zuschauer mit Ihrer Luftartistik zu begeistern. Die kurzweiligen Übergänge zwischen den Acts wurden gekonnt von Martin Mall in Szene gesetzt, der den restlichen Nummern übrigens in nichts nachstand und weit mehr als ein Moderator ist. Ein Highlight hierbei ist seine Cello-Jonglage, mit der er gekonnt und ideenreich das Cellospiel mit Ball- und Kontaktjonglage vereint. Doch was ist eine Show, die sich „Moderne Zeiten“ nennt, ohne ein Selfie der begeisterten Zuschauer. Somit packte Mall kurzerhand den Selfie-Stab XXL aus und balancierte diesen auf dem Kinn zu einem tollen Erinnerungsfoto, das die Zuschauer auf www.modernezeiten.info herunterladen können. Und wem der Datenschutz dabei wichtig ist, findet auf seinem Platz einen sogenannten MZB (mobiler Zensurbalken), den er sich für das Foto vor die Augen halten kann. Aber sehen Sie selbst auf dem Foto – ich glaube, dass davon kein Gebrauch gemacht wurde, da jeder Zuschauer stolz war, eine solch tolle Show im Varieté-Theater Et Cetera gesehen zu haben! Die Show läuft noch bis zum 8. November und ist auf jeden Fall eine Reise wert – wir haben den Abend dann noch mit netten Gesprächen an der Cocktailbar im Foyer ausklingen lassen. Denn auch in diesen modernen Zeiten gibt es doch nichts Schöneres als ein persönliches Gespräch.