Berliner Festspiele | spielzeit’europa 09 | Royal de Luxe

Straßentheater als Chance: Die Wiederbelebung des öffentlichen Raums

Ich habe den öffentlichen Raum immer als Raum der Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen, allerdings hat sich auch bei mir die Wahrnehmung geändert. Nicht erst seit Silvester in Köln. Und auch nicht erst seit dem Amokanschlag in Nizza am französischen Nationalfeiertag 2016. Ein Teil mag meiner Subjektivität geschuldet sein. Auch ich werde älter. Der islamistische Terror ist Realität in Europa, das lässt sich nicht ignorieren, auch wenn wir in Deutschland davon verschont wurden – ja und auch Glück hatten.  Terror macht Angst. Politiker – und nicht nur die von der AfD – schüren Ängste. Die Boulevardmedien tragen ihr Sensationsschärflein auch noch dazu bei. Der öffentliche Raum ist zum Angstraum geworden. Mehr Polizei wird gefordert, mehr Videoüberwachung, Alkohol- und Feierverbote werden ausgesprochen. Der Stadtrat von Herne hat gerade ein solches beschlossen. Dort heißt es laut den Kollegen von der Welt nun: „In Fußgängerzonen, verkehrsberuhigten Straßen sowie auf allen öffentlichen Plätzen ist der Aufenthalt zum Genuss alkoholischer Getränke verboten, wenn hierdurch öffentliche Einrichtungen wie Ruhebänke, Grünanlagen, Spieleinrichtungen und Einrichtungen des ÖPNV dem Gemeingebrauch und damit ihrer Zweckbestimmung entzogen werden.“ Prost Mahlzeit.

Der öffentliche Raum als Bedrohung

Ich gebe zu, ich fahre in den Abendstunden inzwischen ungerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Vor allem an Wochenenden wird reichlich vorgeglüht und auch Drogen werden nachgeschmissen, die auf Speed bringen, um die Nacht durchzuhalten. Die Stimmung in Bahnen und Bussen ist dann oft nicht nur unterschwellig aggressiv. Das war in den Siebzigern und Achtzigern anders. Andere Zeiten, andere Drogen, anderes Verhalten. Dabei gab es auch damals schon Jugendliche, die sich nicht benehmen konnten. Ich erinnere mich ungern an eine Handvoll Problemjugendlicher im Park meiner Kindheit, die uns Kleinere regelrecht jagten und quälten. Skrupellosigkeit gab es also auch früher schon.

Wir wollen unseren öffentlichen Raum zurück

Ich finde, wir als Bürgerinnen und Bürger sollten uns von dem organisierten Wir, also Politik, Verwaltungen und betroffenen Unternehmen unseren öffentlichen Raum zurückfordern. Verkehrsberuhigungen, ein paar Blümchen oder Designerbänke reichen als aktive Maßnahmen nicht aus. Überwachung und Verbote auch nicht. Da sind mehr Fantasie und Kreativität gefordert. Wortwörtlich!

Der öffentliche Raum muss Spaß statt Angst machen

Hängt nicht noch mehr Kameras auf, deren Bilder Euer Personal eh nicht zeitnah auswerten kann. Schickt nicht nur mehr Polizisten und Ordnungskräfte auf Streife, sondern Straßentheaterkünstler, Clowns, Stelzentänzer und wen es da alles gibt. Lasst Mario Michalak mit seinen Gondeln in See stechen oder UliK mit seinem Raketentriebwerk die Straße zurückgewinnen. Schickt den sanften Riesen Dundu durch die Nacht und lasst selbige von den Firedancern ausleuchten – Straßentheater kann eine echte Chance sein! Dann kann der öffentliche Raum wieder Spaß statt Angst machen. Er gehört uns doch und nicht den wenigen Spaßverderbern! Und erst recht nicht den Sicherheitsanbetern oder -ausrufern in Stadträten, Landtagen oder im Bundestag. Warum nicht mal eine Konferenz mit dem Innenminister und Vertreten des Bundesverband Theater im Öffentlichen Raum e.V. und nicht organsierten Künstlern im öffentlichen Raum, um kreative Maßnahmen zu entwickeln.

Straßentheater belebt den öffentlichen Raum positiv

2009 waren Millionen unterwegs in Berlin, um den Fall der Mauer zwanzig Jahre zuvor zu feiern. Die Bürgerinnen und Bürger waren dabei nicht allein. Der Riesenonkel Taucher und sein kleine Riesennichte marschierten als Riesenmarionetten von Royal de Luxe tapfer voran. Seitdem warte ich sehnsüchtig darauf, dass der Sultan mit seinem zeitreisenden Elefanten auch mal deutsche Straßen und Plätze beglückt. Das Straßentheater kann den öffentlichen Raum wiederbeleben. Nach Nizza? Jetzt erst recht! Wie heißt es in der Marseillaise: „Liberté, Liberté chérie, Combats avec tes défenseurs!  – Freiheit, geliebte Freiheit, Kämpfe mit Deinen Verteidigern!“ Last uns auch mit den Mitteln der Künste kämpfen.