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Kannste vielleicht mal die Fresse halten?

Lesedauer 3 Minuten

Drama: Das Drama an der Sprache ist, dass sie so leicht zu lernen ist. Die meisten beherrschen sie ein paar Monate, nachdem sie diese Welt betreten haben. Aus »Dada« wird so schnell »Papa« und aus »Hamham« »Hunger«, dass die Erwachsenen sich die schöne Zeit zurückwünschen, in der die Kleinen noch nicht genau sagen konnten, was sie dachten und wollten.

Schmerzhaft: So niedlich die ersten Versuche des Menschen sind, sich mitzuteilen, so schmerzhaft sind oft die beherzten Anfänge, die Speaker oder Comedians auf Bühnen machen – häufig gar nicht mal für sie selber, sondern für uns, ihr Publikum.

Susanne Plassmann hält mit ihren Gedanken zu Comedians nicht hinterm Berg.

Susanne Plassmann hält mit ihren Gedanken zu Comedians nicht hinterm Berg.

Content: Als wäre »Content« eine Kuh, von der man auch den letzten Huf noch irgendwie zu etwas Schmackhaftem verarbeiten kann, wird alles zu Vorträgen gepanscht. »Becoming a super human«, »Selbstoptimierung für Dummies« oder »Agiles Arschlecken 4.0« – was immer mir einfällt, irgendwo gibt es bestimmt einen Kongress, auf dem ich meine frisch geschlüpften Ideen vortragen kann. Auch für junge Comedians gibt es reichlich Möglichkeiten, Menschen auf den Geist zu gehen. Ob sie sich dem unerschöpflichen Thema »Mann/Frau« widmen oder einfach allgemeine Beobachtungen zur Deutschen Bahn verwursten. Hier wie dort: ein El Dorado, um aus Mist schöne Dollars zu machen.

Inhalt ist also leicht. Wie sieht es nun aber mit dem »Wie« aus? Wohin mit meinen Armen? Und wie dreh ich meinen Buckel, um geliebt zu werden?

Recherche: Wer grade erst anfängt und nicht weiß, wie »Bühne« geht, begibt sich meist auf eine lange, exotische Reise: tief hinein ins Innere des Internets. Nach kurzer Recherche haben Männer gelernt, schlau zu schauen und wichtige Handgesten von den Größen ihrer Zeit zu kopieren. Wer weiß, die Finger im richtigen Winkel zu spreizen und sich selbstvergessen über das Kinn zu streichen, ist eigentlich schon King.

Comedians: Dagegen lernen Comedians über die Bühne zu schlappen wie eingekotet, um zu zeigen, dass man lockerer als sie fast nicht sein kann!

Frauen: Frauen dagegen wollen häufig beweisen, wie energetisch sie sind, wie klar, wie beherrscht und wie »on top«. Als Comedienne machen sie sich intellektuell ein paar Jahre jünger oder werden kokett.

Mitleid: Aber egal, ob Mann oder Frau – bei vielen Speakern und Comedians hat man das Gefühl, das Zuhören ist für das Publikum eher ein Akt des Mitleids – um die, die extra durch Wind und Wetter geritten sind, um sich den ganzen Kram anzuhören, geht es oft leider nicht.

Selber ist sie als Speakerin, Moderatorin und auch als Comedienne unterwegs.

Selber ist sie als Speakerin, Moderatorin und auch als Comedienne unterwegs.

Tränenlachen: Aber stopp: natürlich nicht bei allen. Es gibt die, die inspirieren und die Zuschauer fesseln, die, die uns zum Tränenlachen bringen und uns mit ihren Geschichten tief bewegen. Sonst würden nicht so viele von den anderen versuchen, diese Erfolge zu kopieren – manchmal sogar Wort für Wort.

Abhilfe: Aber warum glauben so viele, dass sie auf Bühnen gehören? Und warum lassen sie sich nicht mal kurz über die Schulter schauen, von einem Profi oder einem wirklich guten Freund, der im Zweifel auch mal sagt: Alter/Alte, lass mal lieber! Warum vertrauen sie nicht dieser kleinen, feinen Stimme in ihrem Herzen, die es doch geben muss! Dem inneren Kritiker, der sie ganz bestimmt versucht zu warnen: Tu’s nicht! Bleib zu Hause, lies ein Buch! Gerade Comedians sind unbelehrbar – die meist männlichen unter ihnen sind fest davon überzeugt, dass eher die ganze Welt einen schlechten Humor hat, als dass sie vielleicht einfach – naja, nicht witzig sind.

Warum machen das alle? Weil sie nicht anders können. Und weil sie mutig sind und ein Ziel haben. Weil sie sich nicht von einem Glossary abhalten lassen und weil sie an sich glauben. Und immerhin sagt man ja, dass jeder und jede – für egal welche Fertigkeit – nach 10.000 Stunden der Übung zum Experten wird. Vielleicht müssen wir also einfach noch ein paar tausend Stunden durchhalten, um den nächsten großartigen Vortragenden zu erleben?

Susanne Plassmann ist Speakerin, Comedienne, Moderatorin. Sie ist ausgebildete Schauspielerin, Coach für bessere Vorträge und schaut auf ihren Berufsstand mit Humor und Skepsis. Sie ist mit eigenen Comedyprogrammen unterwegs. Seit 2019 lädt sie Gäste zur Open Stage/Mixed Show »Plassmanns Polka Lounge« in München Haidhausen. Susanne Plassmann lebt freiwillig in der bayrischen Metropole.