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Neue Existenzchancen für Künstler

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Annette Tigges-Thies ist die Geschäftsbereichsleiterin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Agentur für Arbeit in Bonn. Die Künstlervermittlung der ZAV selbst ist an den Standorten Berlin, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, München und Stuttgart vor Ort. Dort bemüht man sich nicht nur um Auftritte und Engagements, sondern in Zukunft im Transition-Projekt auch um alternative Berufsmöglichkeiten. Eine Strategie, die bislang gezielt für Tänzer angewandt wurde, weil dies in den allermeisten Fällen nur eine kurze Zeit ihres Lebens auf der Bühne verbringen können und nicht allesamt als Choreographen arbeiten oder Ballettschulen gründen können. Das Transition-Projekt wird jetzt auch auf andere Künstler ausgeweitet. Die ZAV übernimmt eine Lotsenfunktion gegenüber Arbeitgebern aus dem nicht-künstlerischen Bereich und auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit. memo-media befragte Annette Tigges-Thies zu den Einzelheiten.

Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit von Künstlern im Vergleich zu anderen Tätigkeitsfeldern?

Das lässt sich nicht so genau sagen. Künstlerinnen und Künstler sind zum einen oft freiberuflich und zum anderen teilweise in sehr kurzen Beschäftigungsverhältnissen und Engagements tätig. Außerdem müssen sich die Künstlerinnen und Künstler als solche arbeitslos melden und dürfen nicht auf der Suche nach anderen Jobs sein, um beispielsweise als Schauspieler in unserer Statistik aufzutauchen. Im März 2017 waren knapp 1.500 Künstlerinnen und Künstler im Bereich Schauspiel-, Tanz- und Bewegungskunst arbeitslos gemeldet, bei 16.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zum selben Zeitpunkt. Das entspräche einer Arbeitslosenquote von 8,6 Prozent.

Welche Situationen führen dazu, dass Künstler ihre Berufstätigkeit überdenken?

Das kann unterschiedliche Ursachen haben. Bisher war es vor allem der Tanzbereich, in dem dieses Überdenken notwendig war, da hier aufgrund der körperlichen Anforderungen die Beschäftigungsdauer begrenzt ist. Es gibt aber auch viele andere Ursachen, die Anlass einer Transition sein können. Das kann zum Beispiel ein nicht erfolgreicher Übergang von Ausbildung in erste Engagements sein (in allen Sparten der darstellenden Kunst werden mehr Absolventinnen und Absolventen fertig, als es freie Stellen gibt). Das können aber auch Probleme mit der Tragfähigkeit der Stimme im Gesangsbereich sein oder die nicht Verlängerung eines Arbeitsverhältnisses. Es ist aber nicht immer nur eine situative Entscheidung, sondern kann auch eine alternative Berufswegplanung sein.

Wie weit sind Sie in der Entwicklung des Programmes?

Mit dem Projekt haben wir zum 1. Juli 2017 begonnen. Hier hat zunächst einmal eine differenzierte Analyse der verschiedensten Gesichtspunkte stattgefunden. Darauf aufbauend wurde ein erster Konzeptentwurf erstellt. Momentan werden erste Referenzfälle in der praktischen Umsetzung erprobt.

Richtet sich das Programm an alle Arten von darstellenden Bühnenkünstler?

Der Fokus liegt zunächst bei den klassischen Bühnenberufen; also Schauspiel, Gesang (Chor und Solo), Tanz.

Wie sieht es für bildende Künstler aus, sind die eingeschlossen?

Nein, erst einmal nicht, da es sich hier um durchgehend freiberufliche, selbstständige Tätigkeiten handelt. Wohingegen darstellende Künstlerinnen und Künstler überwiegend in abhängigen, zumeist auch sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Das Dienstleistungsangebot der BA richtet sich an abhängig Beschäftigte.

Wo sehen Sie besondere Perspektiven in den „normalen“ Berufsfeldern?

Grundsätzlich gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Beschäftigungsfelder, in denen darstellende Künstlerinnen und Künstler mit ihren Kompetenzen wie etwa Mobilität, Sprach- und Bewegungsfähigkeiten, das schnelle Erfassen neuer Herausforderungen, aber auch Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit eingesetzt werden können. Das können unter anderem Berufsfelder in der Pflege, der Erwachsenenbildung, der Werbung sein, die vergleichbare Kompetenzen voraussetzen.

Gibt es bei der ZAV eigenes Fachpersonal für das Programm?

Für das Projekt wurden zunächst einmal drei zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, die jeweils über einen darstellenden künstlerischen Berufsabschluss verfügen.

Gibt der prophezeite Fachkräftemangel noch mal besonderen Schub für die Umorientierung?

In Zeiten des Fachkräftemangels besteht für viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber die Notwendigkeit, bei der Personalrekrutierung alternative Wege auszuprobieren. Das erhöht die Akzeptanz für Bewerberinnen und Bewerber mit eher „untypischen“ Berufsbiographien.

Gibt es gezielte Fördermöglichkeiten, wie Überbrückungsgelder, um den Wechsel zu ermöglichen?

Es gibt momentan keine gesonderten Förderungsmöglichkeiten für diesen Personenkreis. Allerdings steht bei Vorliegen der individuellen Voraussetzungen das allgemeine Förderungsportfolio der Bundesagentur für Arbeit zur Verfügung.

Wie tritt ein Künstler, eine Künstlerin mit Ihnen in Kontakt?

Betroffene Künstlerinnen und Künstler können sich direkt mit unseren Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeitern in Verbindung setzen. Die Kontaktdaten zu unseren Standorten sind auf unserer Homepage zu finden.