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Weiter, immer weiter! – Talking Heads zu Technikmessen & Virtualität

Lesedauer 6 Minuten

Covid-19 bremste 2020 auch die Veranstaltungstechnikmessen und dazugehörigen Konferenzen aus. showcases lud die führenden Köpfe der internationalen Technikmessen zum virtuellen Gespräch. Wie es mit der Integrated Systems Europe (ISE) weitergeht, beantwortet Managing Director Mike Blackman, für die Prolight + Sound steht deren neue Leiterin Mira Wölfel Rede und Antwort und für die TechXperience deren Initiator und Macher Dominik Deubner von der durchführenden Domset GmbH & Co. KG.

Walter Wehrhan: Die ISE, erstmalig in Barcelona, wurde von Februar 2021 auf den 1. bis 4. Juni 2021 verlegt. Die Prolight + Sound wurde als Liveformat ganz abgesagt, die TechXperience 2020 fand bereits vollständig digital statt. Wie sieht es aktuell aus?

Mike Blackman: Die Verfügbarkeit von Covid-Impfstoffen wird ein großer Schritt zur Lockerung der Reisebeschränkungen sein – inklusive der Möglichkeiten, sichere Flugreisen zu unternehmen. Bis jetzt standen unsere Vorbereitungen für die ISE unter dem Zeichen eines »Worst Case«. Anfang 2020 hatten wir bereits einen Leitfaden für Grundlagen einer sichere Messe veröffentlicht. In diesem Leitfaden hatten wir dargelegt, welche Anforderungen von Aussteller*innen und Besucher*innen verlangt werden: u. a. die grundlegenden Dinge wie Hände waschen und desinfizieren, eine Gesichtsmaske tragen, Abstand zu anderen halten etc. Wir sprechen zurzeit permanent mit den zuständigen Behörden über Sicherheit für Aussteller*innen und Besucher*innen bei Anreise und Aufenthalt in Barcelona. Aber wir werden weiterhin den Rat der nationalen Behörden befolgen. Bis Juni werden die internationalen Impfungen hoffentlich so weit fortgeschritten sein, dass die aktuell noch geltenden harten Maßnahmen gelockert sind.

Mira Wölfel: Gemeinsam mit der Branche haben wir bis zum Ende gehofft, uns im April wieder in Frankfurt zu treffen. Wir hatten uns der Mission verschrieben, der Industrie neues Leben einzuhauchen, Wege aus der Krise zu finden und Inspiration für den Restart der Eventwirtschaft auszusenden. Denn wir wissen, wie groß das Interesse der Branche daran ist, sich wieder persönlich zu begegnen. Wir wissen aber auch, wie wichtig es gerade in diesen Zeiten ist, ein bestmögliches Maß an Planungssicherheit zu gewährleisten. Aktuell gilt in Deutschland de facto ein Veranstaltungsverbot. Eine Entspannung bis zum geplanten Termin ist leider nicht in Sicht. Daher haben wir die Entscheidung getroffen, den Fokus auf 2022 zu richten. Es wird also 2021 keine Prolight + Sound in Frankfurt geben. Wir haben uns diesen Schritt alles andere als leicht gemacht. Wir sind aber überzeugt, im Interesse der Branche richtig gehandelt zu haben.

Dominik Deubner ist Initiator der TechXperience

Dominik Deubner ist Initiator der TechXperience

Dominik Deubner: Im Nachhinein kann ich sehr zufrieden mit der Resonanz und der Beteiligung an unserer EventTech-Konferenz sein. Ich hatte kurzerhand – ca. acht Wochen vor Termin – entschieden, die Veranstaltung rein digital durchzuführen, da auch eine hybride Umsetzung im Dezember wenig Aussicht auf hohe Besucherbeteiligung gehabt hätte. Diese Entscheidung hat sich im Nachhinein als goldrichtig erwiesen. Herausfordernder war es vielmehr, ein tragfähiges Umsetzungsmodell zu finden, mit dem alle beteiligten Akteur*innen – die EventTech-Anbieter*innen, die Fachbesucher*innen und ich als Veranstalter – glücklich sind. Ich habe mich letztlich für ein Freemium-Modell entschieden: Durch das kostenfreie Fachbesucherticket ist es uns gelungen, weit über 700 Fachbesucher für die Veranstaltung zu gewinnen, die optional ein kostenpflichtiges Premium-Upgrade buchen konnten. Die hohe Teilnehmerzahl auf Fachbesucher*innenseite wiederum hat die Beteiligung für die EventTech-Anbieter*innen sehr attraktiv gemacht, so dass ich als Veranstalter letzten Endes mit einem besseren Ergebnis aus der Veranstaltung gegangen bin als in den Vorjahren.

WW: Welche Themen und Expert*innen werden digital angeboten?

MW: Die Prolight + Sound 2021 war als Hybrid Edition geplant. Umfangreiche digitale Formate sollten also die Präsenzveranstaltung ergänzen und eine internationale Teilnahme ermöglichen. Zum Konzept zählten KI-gestützte Matchmaking-Angebote, Online-Weiterbildung, Live-Streaming, virtuelle Round Tables und mehr. Nun ist das On-site-Event als tragende Säule der Hybridveranstaltung weggefallen. In diesem Zuge sind wir gemeinsam mit den Akteur*innen der Branche zu dem Schluss gekommen, dass eine rein digitale Messe ohne physische Basis den Ansprüchen der Entertainment-Technology-Industrie nicht gerecht wird und es daher nicht zur Umsetzung kommt. Dennoch möchten wir den Austausch in der Branche auch in diesem Jahr unterstützen: Am ursprünglich geplanten ersten Messetag, dem 13. April, führen wir ein neues, online-basiertes Content- und Begegnungsformat ein, das wir gemeinsam mit Partnern und Unternehmen organisieren und im Laufe des Jahres fortsetzen möchten.

Managing Director der Integrated Systems Europe: Mike Blackman

Managing Director der Integrated Systems Europe: Mike Blackman

MB: Die Themen von RISE Spotlight, was unser bislang schon laufendes digitales Format der ISE ist, stimmen im Großen und Ganzen mit den beliebten und erfolgreichen Technology Zones der ISE überein. So werden wir im Anschluss an die Auftaktveranstaltung zur »Workspace Evolution«, die im Übrigen durch die Unified Communications Zone inspiriert war, Veranstaltungen zu den Themen XR, digitales Lernen, Live-Events, Smart Building, Digital Signage sowie Broadcast- und Content Creation präsentieren. Wir werden beim »RISE Spotlight«-Format weiterhin Podiumsdiskussionen, Interviews, einen Überblick über Startup-Aktivitäten bis hin zu interaktiven Diskussionsrunden und Networking bieten.

DD: Die technische Expertise, die sich dieser Tage alle Branchenakteur*innen aneignen, wird sicher für die Weiterentwicklung der Branche von großem Nutzen sein und den Professionalitätsgrad für künftige hybride Umsetzungsmodelle erhöhen. Wenn ich aber die mit der Umsetzung einer rein digitalen oder gar hybriden Veranstaltung verbundenen Aufwände im Zusammenhang mit einer Coronabedingten Übersättigung von Digitalformaten auf Besucher*innenseite anschaue, bin ich da von überzeugt, dass die Live-Formate nach Bewältigung der Krise zurückkommen werden. Es bleibt zu wünschen, dass in Zukunft Live-Veranstaltungen selektiver und fokussierter geplant werden und sich hier die Spreu vom Weizen stärker trennt. Digitale oder hybride Formate werden sicher ihren festen Platz im Veranstaltungsmix finden, insbesondere dann, wenn die Reichweitenverlängerung des Internets gekonnt ausgespielt wird.

Die technische Expertise, die sich dieser Tage alle Branchenakteur*innen aneignen, wird sicher für die Weiterentwicklung der Branche von großem Nutzen sein

WW: Was können die Besucher*innen im aktuellen Jahr erwarten?

MB: Zum ersten Mal haben wir für die ISE 2021 eine eigene Zone »Broadcast & Content Creation« eingerichtet. Warum? Fortschritte in den Bereichen Vernetzung, Speicherung, Verteilung und Streaming haben den Zugang zu Broadcast-Lösungen in professioneller Qualität wesentlich erleichtert. Kreative können nun ihre Inhalte zu eigenen Bedingungen erstellen und auch als Urheber verbreiten. Die ISE präsentiert seit mehreren Jahren Lösungen für die Erstellung von Broadcast-Inhalten für den Einsatz in Festinstallationen und auch bei Live-Veranstaltungen – und für 2021 werden wir diesen Bereich konsolidieren und erweitern. Die Besucher*innen werden eine breite Palette von adäquaten Systemen und Geräten entdecken.

In der Zone für Live-Events werden die neuesten Technologien und Lösungen vorgestellt die u. a. einzigartige, immersive Erlebnisse bei Events schaffen sollen. Gezeigt werden u. a. Beleuchtungs-, Lichtsteuerungs-, Rigging- und Bühnen-Technik sowie Motion-Tracking, Video-Mapping, professionelles Audio und Holografie-Technologien für den Einsatz in kleinen Veranstaltungsorten bis hin zu großen Stadien. Wir sehen diesen Sektor als einen Schlüsselbereich für das Wachstum der Messe, da wir von der Event-Branche – trotz der aktuellen Corona-Krise – sehr überzeugt sind.

WW: Welche Konsequenzen seht ihr denn auf mittlere Frist?

Mira Wölfel ist die Leiterin der Prolight + Sound

Mira Wölfel ist die Leiterin der Prolight + Sound

MW: Meine Überzeugung ist: Am Verlangen nach Events und persönlicher Begegnung wird die aktuelle Situation nichts ändern. Für jedes Unternehmen der gesamten Event-Wirtschaft waren die vergangenen Monate ein Prüfstein der eigenen Digitalkompetenz. Auch wir als international agierender Messeveranstalter mussten Prozesse neu denken und uns die Frage stellen, welche Erfolgsfaktoren einer Messe sich erfolgreich in den digitalen Raum überführen lassen. Ein vorläufiges Fazit: Digitale Formate können eine überzeugende Ergänzung zum On-site-Event darstellen, beispielsweise durch die Möglichkeiten zur Kontaktanbahnung bereits im Vorfeld, zur Organisation des Messetages oder zur optimalen Verwaltung von Leads. Und selbstverständlich können sie die internationale Reichweite für den Content von Aussteller*innen weiter ausbauen und die Relevanz von Messeveranstaltungen somit nachhaltig steigern – hierin liegen neue Chancen. In diesem Zuge ist denkbar, dass einige dieser Angebote auch im Post-Corona-Zeitalter Bestand haben werden.

Dennoch ist unstrittig, dass der direkte Kontakt auf dem Gelände durch nichts zu ersetzen ist und auch weiterhin die Basis erfolgreicher Messeveranstaltungen stellt. Somit steht für mich mittelfristig nur eines im Vordergrund: die Vorfreude auf ein möglichst baldiges Wiedersehen mit den großartigen Menschen aus der Branche, hier in Frankfurt am Main.

WW: Dominik, welchen Ausblick hast du?

DD: Aktuell sitze ich konkret an den Planungen für unser Community-Event MICE Club LIVE, das im September 2021 hoffentlich wieder als Live-Veranstaltung in Stuttgart zum Thema »Zukunft beginnt im Kopf« stattfinden wird. Ende November soll die dann vierte TechXperience nach Möglichkeit wieder in unserer eingespielten Location – der kING in Ingelheim – stattfinden. Ob mit digitalem Ableger oder rein live – das werden wir sehen.