Actopolis Eröffnung

Actopolis in Oberhausen – Die Neuerfindung einer Stadt als Event

Lesedauer 4 Minuten

Was tun, wenn die historische und kulturelle Identität einer Stadt durch den Strukturwandel irgendwie abhanden gekommen und der alte Ruhm verblasst ist? Künstlerisch intervenieren! Unter dem Titel „Wir bauen eine neue Stadt!“ erprobten Künstler des internationalen Netzwerks Actopolis vom 1. bis 11. September 2016 in Oberhausen neue urbane Praktiken und luden alle Bürger dazu ein, gemeinsam den städtischen Raum zurückzuerobern.

Das real existierende Oberhausen

Ankunft am Oberhausener Hauptbahnhof. Spürt man schon etwas von der neuen Stadt? Irgendwelche feinstofflichen Ruhrgebietsvibrationen? Am Bahnhofsvorplatz, der nach Willi-Brandt benannt ist, befindet sich eine kleine Menschenansammlung. Vorboten der neuen Stadt? Die erste künstlerische Intervention? Nein, eine Friedensdemo. Auch im griechischen Restaurant „Pegasos“ auf der Paul-Reusch-Straße scheint das Alltagsgeschäft zu laufen wie immer. Der durch das Centro Oberhausen aus der Innenstadt abgewanderte Einzelhandel hat viel Leerstand hinterlassen. Die Suche nach der neuen Stadt in der alten führt vorbei an dem Graffito: „I Love you Kevin“ und einem Beauty- und Wellness-Shop. Auf dem Schild im Schaufenster steht ein Imperativ: „Schönheit entfalten!“

„Actopolis – Die Kunst zu handeln”

Actopolis Stadtfestival

Bilder, die im Rahmen des Projektes des Oberhausener Ungeheuers von Kindern gemalt wurden.

„Wie sollen, wie wollen, wie können wir leben?“, diese Fragen hatten Urbane Künste Ruhr und das Goethe-Institut Oberhausen sich gemeinsam mit sieben anderen Städten gestellt, als sie vor einem Jahr in Oberhausen das internationale Projekt „Actopolis – Die Kunst zu handeln“ starteten. 65 Kuratoren, Künstler und Architekten legten damals den Grundstein für lokale Interventionen in Ankara, Bukarest, Athen, Belgrad, Zagreb, Sarajevo und Mardin. Sie tauschten sich über die künstlerischen Ansätze und Strategien aus, darüber, wie man in einer Stadt den öffentlichen Raum neu definieren und die Bevölkerung in diesen Prozess einbinden kann.

„Wir bauen eine neue Stadt“

Kuratiert wurde das zehntägige Stadtfestival von dem Künstlerkollektiv geheimagentur. Es richtete im Oberhausener Bahnhof ein Stadtzentrum ein, welches Anlaufstelle und Ort des Austauschs für alle Bewohner sein sollte. Hier gab es Performances, Partys, Präsentationen und Workshops. Gleichzeitig bildete es den Ausgangspunkt von geführten Touren, zur Erkundung der neuen Stadt. Susanne Kudielka, Kaspar Wimberley, Lars Moritz, Denise Ritter, Dirk Schlichting, so die Klarnamen der „Geheimagenten“ und darstellenden Künstler, hatten zuvor alle Einwohner dazu aufgerufen, beim radikalen Neubeginn mitzumachen: „Egal, wer sie sind, woher sie kommen, wie lange sie bleiben wollen, alle sind Bürger der neuen Stadt.“ Am 1. September erfolgte dann im Stadtzentrum die performative Eröffnung und Grundsteinlegung von „Neu-Oberhausen“.

„Alles erst ab morgen!“

Pressegespräch Actopolis

Kuratiert wurde das zehntägige Stadtfestival Actopolis von dem Künstlerkollektiv geheimagentur.

Auf dem Will-Quadflieg-Platz entwickelten Felix Jung und Marc Einsiedel von „We are Visual“ Werkzeuge für zukünftige Probleme. Dabei diente ein futuristisch designter Anhänger vor dem Theater Oberhausen, das als Kooperationspartner bei den städtischen Interventionen agierte, als Showroom und Labor. Unter dem Motto „Alles erst ab morgen!“ wurden hier Alltagsgegenstände produziert, mit deren Hilfe Probleme von Morgen fachkundig gelöst werden sollten.

Leerstand mit neuen Ideen füllen

Hin und wieder ist es hilfreich, sich auf den Kopf zu stellen, um die Welt neu zu entdecken. Die Künstler von Actopolis warfen einen genauen Blick in die Leerräume der alten Stadt und warteten nicht mit klassischen Zwischennutzungen, sondern mit Überraschendem auf. Sie machten vertraute Räume neu erfahrbar, indem sie einen Schrebergarten mitten in der Einkaufszone platzierten. Dort, wo früher geshoppt wurde, konnte man nun ausgiebig grillen und feiern. Auf einem stillgelegten Bahngleis des Hauptbahnhofs meldeten sich die „Gutehoffnungsgeister“ in einer Klanginstallation zu Wort. Das erste Kaugummimuseum Europas öffnete seine Pforten und stellte archäologische Funde aus der Jetztzeit aus.

Ein Stadtmonster für Oberhausen

Actopolis Stadtfestival

Phantombilder des Oberhausener „Monsters“, die Kinder kreativ angefertigt hatten.

Loch Ness besitzt eines, das den Ort geprägt und bekannt gemacht hat,und nun hat Oberhausen auch eines: ein Ungeheuer! In der Überzeugung, dass jede Stadt einen Mythos braucht, hatten sich die Künstler ein Monster als touristische Infrastruktur und Wahrzeichen für die neue Stadt ausgedacht. Es soll irgendwie an eine riesige Echse erinnern und angeblich in den Schächten und Stollen der Stadt leben. Bei der Eröffnung konnte man bereits die Phantombilder bestaunen, die Kinder von dem Neu-Oberhausener unbekannter Spezies angefertigt hatten. Dem Mythos wurde im Verlauf des Projekts dann auf Monster-Safaris lustvoll zu Leibe gerückt.

Sich einmischen und Oberhausen aufmischen

Man kann die Menschen, über deren Kopf hinweg Städte so oft geplant werden, durch neue Träume wieder mobilisieren, sogar, wenn diese „monströs“ sind! In Oberhausen, das wie fast alle Ruhrgebietsstädte chronisch pleite ist, könnten die künstlerischen Impulse von Actopolis wie Defibrillatoren wirken, die das Herz der Stadt wieder zum Schlagen bringen.

Doch zu allererst kommt es auf seine Bürger an, die der eigentliche Reichtum einer Stadt sind. Es geht um nicht weniger als ihre Selbstermächtigung, – es geht darum, wieder aktiv an der Gestaltung ihres Lebensumfelds mitzuwirken.

Manchmal muss man dem Wunder ein Nest bauen, damit es sich ereignen kann!