Herbsonate: Corinna Harfouch und Fritzi Haberland im Startheater

Scheitern mit Stars

Berühmte Künstler nimmt man gerne für seine Veranstaltung, denn man meint, mit ihnen auf Nummer sicher zu gehen. Das muss aber nicht immer so sicher funktionieren, wie jetzt die harmlose Inszenierung von Deutschem Theater und Staatstheater Stuttgart in den Händen von Jan Bosse zeigt. Dabei wurde einfach zu wenig riskiert. Wieso scheitert dieses Schauspiel trotz feinster Zutaten und wie funktioniert das Starprinzip auf der Theater- und Eventbühne. Oder eben auch nicht? Jede Inszenierung, jeder Auftritt braucht eine möglichst große Idee!

An der klassischen Berliner Vorzeigebühne, Max Reinhardts Deutschen Theater, hat Regisseur Jan Bosse mit Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt gleich zwei der eigentlich veritabelsten deutschen Schauspielerinnen aus dem Osten gewählt. Nicht nur auf der Bühne sind die zwei Frauen Stars. Auch auf dem roten Teppich machen die beiden eine sehr gute Figur. Mit der Herbstsonate als mehrfach ausgezeichnetem Film von Ingmar Bergman kommen noch weitere, größere Namen ins Spiel: Ingrid Bergman war Charlotte Andergast, Liv Ullmann die Tochter Eva auf der Leinwand.Und trotzdem geht das Unternehmen Startheater im Deutschen Theater schief. Aber aus jedem Scheitern kann man lernen.

Wo ist die Übersetzung für die Bühne?

Das bergmantypische epische Werk erhielt 1978 den New York Film Critics Circle Award für die Bergman als Beste Hauptdarstellerin und 1979 den Golden Globe Award als Bester fremdsprachiger Film für den Bergman. Der Film atmete tief dank der ausgedehnten Großaufnahmen von Kameralegende Sven Nykvist. Hierfür fand Theatermann Bosse leider keine Übersetzung. Keine Idee weit und breit. So öde ist Norwegen nicht. Zwar fuhr ganz gelegentlich mal ein Gazevorhang vom Schnürboden herab, auf den die sitzende Haberland vor der stehenden Harfouch projiziert wurde: Das ist naheliegend, aber nicht abendfüllend. Eine Filmadaption braucht eine Übersetzung für die Bühne, sonst sind die Bilder – allemal die von Nykvist und Bergman – zu groß. Und auch die Fußstapfen, in die die SchauspielerInnen hineinfallen, wenn die Spielidee ihnen kein schützendes Geländer bietet.

Der B-Premieren-Applaus in Berlin war eher verhalten, auch wenn Finanzminister Schäuble als Theaterbesucher artig seinen Beifall spendete. Begeisterung hört sich anders an. Die Herbstsonate ist Bosses zweite Versuchsanordung mit solch intimen Bergmanbildern. In „Szenen einer Ehe“ wurden Joachim Król und Astrid Meyerfeldt in diese Versuchsanordnung geschickt. Sei es drum. Ich habe das dort in Stuttgart noch nicht sehen können. Ich sehe aber in Berlin eine Haberlandt, die sich bemüht, eine Beziehung zur Harfouch aufzubauen, was man als SchauspielerIn tun muss. Sonst ist man/frau verloren. Sie blitzt aber an der Routine einer Diva ab. Was weniger Rolle ist als der Versuch, die Leerstellen in der Inszenierung zu überbrücken so gut es geht. Und dass Andreas Leupold als Viktor blasser blieb als eine Wasserleiche, ist der Tatsache gedankt, dass in der Figur viel zu wenig Theaterarbeit steckte. Auch ein älterer Ehemann sollte eine gewisse Attraktion sein, erst recht, wenn sich die Haberlandt mit ihm herumschlagen muss. Er muss also irgendetwas haben, was sie anzieht. Das kann jedoch keine Farblosigkeit sein. Das hochinteressante psychologische Drama der Figuren verliert sich in den Leerstellen des Nirgendwo auf der Drehbühne.

Somit bleibt alles im Ungefähren. Alles gelegentliche Emotionale ohne Intention. Auf der Bühne gibt es nun mal nichts, was es nicht gibt. Auch eine Nichtbeziehung muss hergestellt werden, sonst bleibt es heiße Luft ohne Tüten. Und so sieht man nur (an sich sehr, sehr guten) SchauspielerInnen bei der Arbeit zu. Die besondere Aura der Verzauberung, das „Besondere“, war an diesem Abend jenseits der Rampe, im Zuschauerraum, jedenfalls nicht zu spüren. So funktioniert Startheater nicht.

Was macht einen Star aus?

Schauspiellehrer der Stars: Robert Lewis

Schauspiellehrer der Stars: Robert Lewis

Licht muss reflektiert werden, damit wir es wahrnehmen können. Ohne reflektierende Materie bleibt es zappenduster, egal wie hell die Quelle strahlt. Das ist bei Stars nicht anders. Das, was wir mit Charisma oder mit dem Strahlen eines Stars benennen, ist eine Mischung aus unseren (erfüllten) Erwartungen (was per se Autorität verleiht) und einem höheren Energiezustand bei denjenigen welchen als bei uns normal Sterblichen. Das ist ein Grad von Konzentration, den diese auf der Bühne oder vor der Kamera innehaben, der dem eines schwarzen Lochs gleicht, das die Lichtstrahlen durch die Linse der Kamera oder den Beam des Scheinwerfers nahezu magisch anzieht. Das ist kein Zaubertrick oder eine besondere Gabe, sondern eine Fähigkeit, die man lernen kann, als Schauspieler lernen muss; die jeder lernen sollte, der vor anderen auftritt oder präsentiert.

„Stage energy is higher than life energy!“

Mein Theaterlehrer Robert Lewis, der das Glück hatte, von Marilyn Monroe bis Marlon Brando und Meryl Streep alles zu unterrichten, was übergroßes Talent hatte, benannte das mit „Stage energy is higher than life energy!“ Das war sein erster Lehrsatz. Und jeder Auftritt in irgendeiner Form von Öffentlichkeit erfordert, dass man sich daran hält. Nur ein einziges hingehaltenes Mikrofon stellt diese Öffentlichkeit schon her! Deshalb muss man Stars immer so präsentieren, dass sie ihre Konzentration innehaben und ihre Energie aufbauen können. Die manchmal skurril anmutenden Backstagerider für Künstler dienen dem erfolgreichen Prozedere. Auch wenn es mal zugegeben eigentümliche Ausrutscher gibt. Wer nun noch genauer wissen will, wie Stars, Divas, Promis und Toyboys funktionieren, kann dies im Gastartikel von Heike-Melba Fendel aus der showcases [Ausgabe 3-2013] nachlesen.